Das Geheimnis des Erfolgs
von William Walker Atkinson






Das Individuum

In unserer letzten Lektion erläuterten wir, dass wir als „Geheimnis des Erfolgs“ im Wesentlichen den freien Ausdruck des Individuums – des „großen Ichs“ – betrachten. Bevor Sie diese Idee erfolgreich umsetzen können, müssen Sie jedoch zunächst erkennen, was das Indiviuduum – das „große Ich“ in Ihnen – wirklich ist. Diese Aussage mag vielen Lesern lächerlich vorkommen, es wird sich jedoch für Sie lohnen, sich mit der zugrunde liegenden Vorstellung vertraut zu machen, da die Macht aus der wahren Umsetzung des „großen Ichs“ erwächst.

Wenn Sie Innenschau betreiben, werden Sie feststellen, dass Sie ein wesentlich komplexeres Wesen sind als Sie bisher angenommen hatten. Zunächst haben wir das „große Ich“, das ist das wirkliche Selbst oder Individuum. Dann haben wir das „kleine Ich“, welches irgendwie zum „großen Ich“ gehört – die Persönlichkeit. Um den Beweis zu führen, brauchen Sie das „große Ich“ nur das „kleine Ich“ untersuchen lassen. Dabei wird es feststellen, dass das Zweitgenannte aus drei Phasen oder Prinzipien besteht, nämlich aus

1. dem physischen Körper,
2. der Lebensenergie und
3. dem Geist.

Viele Leute halten ihren Körper für ihren „Ich“-Anteil. Bei etwas gründlicherem Nachdenken werden sie jedoch erkennen, dass der Körper nur eine stoffliche Umhüllung oder eine Art Apparat ist, über den sich das „Ich“ ausdrücken kann.
Etwas tiefer gedacht, werden sie erkennen, dass jemand durchaus ein lebhaftes Bewusstsein von diesem „Ich bin“-Anteil haben kann, ohne sich der Präsenz des physischen Körpers gewahr zu sein.

Daraus ergibt sich, dass das „große Ich“ vom Körper unabhängig ist und dass der Körper in den Bereich des „kleinen Ichs“ fällt. Der physische Körper kann noch existieren, nachdem ihn das „große Ich“ verlassen hat. Der tote Körper ist nicht das „große Ich“. Der physische Körper besteht aus unzähligen Partikeln, die in jedem Augenblick unseres Lebens ihren Platz verändern. Unser heutiger Körper ist ein völlig anderer als der, den wir vor einem Jahr hatten.

Dann kommt das zweite Prinzip des „kleinen Ichs“ – die Lebensenergie. Das, was viele „Leben“ nennen.
Dieses wird als etwas vom Körper, den es mit Energie versorgt, Unabhängiges betrachtet, aber auch dieses ist vorübergehend und veränderbar. Es handelt sich lediglich um etwas, das den Körper beseelt und mit Energie versorgt – um ein Instrument des „großen Ichs“ und somit um ein Prinzip des „kleinen Ichs“. Was bleibt dem „großen Ich“ nun übrig, um seine Natur zu bestimmen? Hier kommt uns ganz spontan über die Lippen: „Der Geist, über den ich die Wahrheit dessen erkennen, was Sie soeben ausgeführt haben“.
„Aber einen Augenblick bitte. Sie sprachen vom Geist, über den ich erkenne’ – Bestätigen Sie damit nicht, dass der Geist etwas ist, durch den das „große Ich“ wirkt?“

Sind Sie der Geist?

Sie sind sich dessen bewusst, dass sich Ihre geistigen Zustände verändern – Ihre Gefühle schwanken. Sie befinden sich nicht immer in derselben Gefühlslage. Auch Ihre Ideen und Gedanken sind keineswegs gleichbleibend und sie unterliegen äußeren Einwirkungen oder werden von etwas gesteuert, was Sie „großes Ich“ – oder wahres Selbst – nennen. Hinter den geistigen Zuständen, den Ideen, Gefühlen, Gedanken und so weiter muss sich also etwas befinden, was auf einer höheren Ebene wirkt, etwas, dass das sie „kennt“, so wie jemand eine von ihm getrennte Sache kennt. Sie sagen: „ich“ fühle, „ich“ denke, „ich“ glaube, „ich“ weiß, „ich“ werde und so weiter.

Was ist nun das wahre Selbst? Die vorgenannten geistigen Zustände - oder das „große Ich“, welches der wirkliche Grund für die geistigen Erscheinungen ist? Nicht der Geist weiß, sondern das „Ich“, das den Geist benutzt, um zu wissen. Sofern Sie sich mit diesem Thema noch nie beschäftigt haben, mag Ihnen all das schwerverständlich vorkommen. Denken Sie darüber nach und es wird Ihnen klarer werden.

Wir führen diese Dinge hier nicht nur an, um Ihnen eine Vorstellung von der Metaphysik, der Philosophie oder Psychologie zu geben. Darüber gibt es zahlreiche ausführliche Werke, das ist somit nicht unser Anliegen. Der wahre Grund ist, dass Sie mit einer Anerkennung des wahren Selbst ein Gefühl der Macht erwerben, die sich durch Sie zum Ausdruck bringt und Sie stark macht. Sich des wahren Selbsts klar und deutlich bewusst zu werden, verleiht Ihnen ein Gefühl des Seins und der Machbarkeit, das Sie bislang noch nicht kannten. Bevor Sie Ihre Individualität zum Ausdruck bringen können, müssen Sie erkennen, dass Sie ein Individuum sind. Sie müssen sich dieses wahren Selbst in Ihnen gewahr werden, bevor Sie erkennen können, dass Sie ein Individuum sind.

Das kleine Ich wird „Persönlichkeit“ genannt, Ihre äußere Erscheinung. Ihre Persönlichkeit besteht aus unzähligen Eigenschaften, Charakterzügen, Gewohnheiten, Gedanken, Ausdruckweisen, Besonderheiten und persönlichen Merkmalen, die Sie die ganze Zeit über für das wahre „Ich“ gehalten haben. Doch dem ist nicht so.

Wissen Sie, woher die Idee der Persönlichkeit stammt?
Lassen Sie uns kurz darauf eingehen. Nehmen Sie ein gutes Wörterbuch zur Hand und Sie werden sehen, dass das Wort vom lateinischen „Persona“ abstammt. „Persona“ bedeutete ursprüglich „Maske von Schauspielern“ und ist eine Zusammensetzung aus zwei anderen Worten, nämlich „sonare“ („klingen“) und „per“ („durch“). Die Stimme des Schauspielers klang durch die Maske der angenommenen Persönlichkeit oder des dargestellten Charakters hindurch. Das Wörterbuch Webster nennt auch heute noch folgende Bedeutungen für „Person“: „Eine Figur oder eine Rolle, z.B. in einem Schauspiel; eine angenommene Eigenart“.

„Persönlichkeit“ bedeutet also die Rolle, die Sie im großen Schauspiel des Lebens spielen, Ihre Rolle auf der Bühne des Universums. Das wahre Individuum hinter der Maske der Persönlichkeit sind Sie – das wahre Selbst, der Teil von Ihnen, dessen Sie sich bewusst sind, wenn Sie sagen: „Ich bin“. Damit bestätigen Sie Ihre latenten Kräfte.

Ein „Individuum“ ist etwas Unteilbares, etwas, das durch äußere Einwirkungen nicht verletzt oder beschädigt werden kann. Etwas Reales. Sie sind ein Individuum- ein wahres Selbst. Etwas, das mit Leben, Geist und Macht ausgestattet ist, welche Sie in Ihrem Sinn nutzen können.

Geisterfüllung

Mancher mag bei der Überschrift zu dieser Lektion – „Geisterfüllung“ – an „Geistwesen“, „körperlose Wesen“ oder „Seelen“ denken, an etwas, wofür häufig der Begriff „Geister“ verwendet wird. Wir verwenden das Wort hier jedoch in einer anderen Bedeutung. Eine Bedeutung des Wortes „Geist“, wie es Webster zu entnehmen ist, lautet: „Energie, Lebhaftigkeit, Inbrunst, Begeisterung, Kühnheit, Beherztheit, Schneid“.

Diese Definitionen mögen Ihnen einen Hinweis auf die Bedeutung geben, in der wir das Wort hier gebrauchen. Es geht jedoch um mehr.

Für uns bringt das Wort „Geist“ die wahre Essenz der universellen Macht zum Ausdruck, die sich im Menschen auch als Zentrum seines Seins manifestiert – seine essentielle Stärke und Kraft, aus denen alles entstammt, was ihn zu einem Individuum macht. Geisterfüllung bedeutet nicht ätherisch, spirituell, außerirdisch oder dergleichen zu sein. Es bedeutet, „beseelt“ zu sein, das heißt „mit Lebenskraft erfüllt“ zu sein, also mit Macht und Leben erfüllt zu sein. Diese Macht und dieses Leben kommen aus dem Zentrum des Seins, aus dem „Ich bin“, aus dem Bewusstsein.


Geisterfüllung zeigt sich bei den Menschen in unterschiedlichen Ausmaße – ja, sogar bei den Tieren. Es handelt sich um eine elementare, fundamentale und ursächliche Qualität und einen Ausdruck des Lebens. Diese sind von der Gesellschaft, Kultur oder Bildung abhängig. Ihre Ausprägung scheint von der instinktiven Anerkennung von etwas in sich abhängig zu sein, von der Macht der Individualität, die aus der universellen Macht abgeleitet werden, deren Ausdruckformen wir alle sind. Sogar einige Tiere scheinen sie zu besitzen.

Aus einem kürzlich erschienen Artikel eines Tierdompteurs ist die instinktive Anerkennung der Geisterfüllung bei einigen höher entwickelten Tieren wie folgt zu entnehmen:

Wenn Sie zwei männliche Paviane in denselben Käfig setzen, werden sie ihre Münder öffnen, ihre Zähne fletschen und sich gegenseitig anblasen. Einer von ihnen wird jedoch anders blasen, er bläst mit einer inneren Unsicherheit, die ihn sogleich als den Unterlegenen ausweist. Dabei kann es sich durchaus um denjenigen handeln, der das furcheinflössendere Gebiss besitzt. Eine Machtprobe ist nicht erforderlich.

Dasselbe passiert bei Großkatzen. Zwei, vier oder ein Dutzend zusammengebrachte Löwen werden ebenfalls ohne Wettstreit sofort herausfinden, wer das Zeug zum Meister hat. Danach widmet er sich dem Fressen. Die übrigen werden damit erst anfangen, wenn der neue Anführer damit fertig ist. Er ist auch der Erste, der zum Wassertrog läuft. Kurzum, er ist der König im Käfig. Wenn nun ein Tierpfleger in einen Verschlag geht, in dem sich eine Großkatze befindet, die etwas „aus der Reihe getanzt“ ist, wird er sich fast genauso verhalten wie sich der vorgenannte Löwenkönig gegenüber einem anderen „unerzogenen“ Löwen aus der Gruppe verhalten würde.“

Sie werden bemerkt haben, dass der Schreiber darauf hinweist, dass nicht immer der Pavian mit dem gefährlichsten Gebiss der Chef ist, ebenso wenig wie der Löwenkönig seine Stellung in einer physischen Auseinandersetzung behauptet. Wir haben es hier mit etwas Subtilerem als mit der körperlichen Seite zu tun, mit dem Ausdruck einer seelischen Eigenschaft des Tieres.

Bei Menschen verhält es sich genau so. Nicht immer herrscht der Größte oder körperlich Stärkste. Der Herrscher verdankt seine Führerrolle der mysteriösen seelischen Eigenschaft, welche wir „Geisterfüllung“ nennen. Wenn zwei Individuen zusammen kommen, gibt es einen geistigen Kampf, auch wenn kein einziges Wort fällt. Und doch setzt sich eine Seele mit der anderen auseinander, wenn zwei Augenpaare aufeinander blicken und ein subtiles Etwas in dem einen misst sich an einem subtilen Etwas im anderen. Das mag nur einen Augenblick lang dauern, aber der Konflikt ist dann beigelegt und jeder der Beteiligten weiß, wer der Sieger und wer der Unterlegene ist. Das muss mit keiner Gegnerschaft zwischen den Beteiligten verbunden sein, aber es scheint auf beiden Seiten eine innere Anerkennung zu bestehen, dass zwischen ihnen etwas besteht, das ihnen als Leitschnur dient. Diese Positionierung hängt nicht von körperlicher Stärke, Intellekt oder Kultur ab, sondern vom Ausdruck und von der Anerkennung einer subtiles Eigenschaft, die wir „Geist“ genannt haben.

Die Menschen bestätigen die Anerkennung dieser Eigenschaft in ihnen und in anderen häufig unbewusst in der Art und Weise, in der sie diesen Begriff verwenden. Man kann hören, dass jemand „geistig gebrochen“ oder ein „seelischer Krüppel“ sei oder keinen „Sportsgeist“ mehr habe. Solche Umschreibungen werden dann im Sinne von „innerem Feuer“ oder „Temperament“ gebraucht.

Rennpferdzüchter behaupten, dass dieses „innere Feuer“ von anderen Pferden wahrgenommen werde, die dann ihrerseits entmutigt und letztendlich geschlagen würden, auch wenn sie sich körperlich in einer besseren Form befänden.
Diese Geisterfüllung ist eine fundamente Lebenskraft, die in gewissem Maße allen Lebewesen zueigen ist. Sie lässt sich weiterentwickeln und verstärken. In unserer nächsten Lektion werden wir mit ein paar Beispielen darauf eingehen, wie sie sich bei Menschen zeigt.

Der Arzt und Schriftsteller Oliver Wendell Holmes gab in einem seiner Bücher eine lebhafte Beschreibung des Konflikts der Geisterfüllung zwischen zwei Männern ab:

„Kohinoors Gesicht lief so weiß an vor Wut, dass sich sein schwarzer Schnurbart und sein Backenbart in Furcht erregendem Kontrast davon abhoben. Er war von Zorn erfüllt und griff nach einem Becher, so als wollte er seinen Inhalt über den Sprecher ergießen. Der junge Mann aus Maryland blickte ihn fest an, legte seine Hand beinahne nachlässig auf den Arm des Zornigen und der so Berühte spürte, dass er ihn nicht zu bewegen vermochte. Es hatte keinen Sinn. Der Junge war sein Meister und in einer tödlichen indianischen Umarmung, bei der Männer mit ihren Augen ringen, und die einem der beiden das Genick bricht, auch wenn sie nur fünf Sekunden dauert, und doch das Los auf Jahrzehnte besiegelt, wurden in einem Handstreich die Fronten geklärt. Wie bei krähenden Gockeln auf dem Misthaufen, ist nach ein oder zwei Anläufen gegen den anderen und ein paar scharfen Hieben alles geklärt: Nach Ihnen, mein Herr. Die unterlegene Seite bleibt ihr restliches Leben lang die unterlegende in der Hackordnung.“

Fothergill sagt: „Emily Brontë beschrieb mit ihrem enigmatischen Das Findelkind Heathcliff ein mit unermesslicher Willenskraft ausgestattetes Wesen, das sich einem Rohling gegenüber sah. Ein massiver, muskelbepackter Raufbold! Das war die Vorstellung eines Mädchens von einem starken Mann; aber ich habe ruhige, harmlos erscheinende Männer gesehen, die dem Grobian bald gezeigt hätten, wer der Überlegende ist“.

Ein historisches Beispiel von Geisterfüllung unter scheinbar erdrückenden Gegebenheiten ist das Gespräch zwischen Bischof Hugo von Lincoln und Richard Löwenherz in der Kirche von Roche d’Andeli.
Danach trachtend, den Krieg in der Normandie fortzuführen, verlangte Richard Verstärkung und mehr Geld von seinen Baronen und Bischöfen, Hugo jedoch widersetzte sich diesem Ansinnen. Zwar räumte er ein, dass der Sitz Lincoln gesetzlich zur Versorgung mit Männern und Geld für militärische Zwecke innerhalb der vier britschen Meere verpflichtet sei, der Krieg in der Normandie sei davon jedoch nicht betroffen, weshalb er sich dem König widersetzte. Mit König Richard, genannt Löwenherz, war nicht zu scherzen. Als er Bischof Hugo in die Normandie zitierte und dieser den Löwen in seiner Höhle aufsuchte, zweifelten nur wenige am Ausgang dieses Besuches und hielten die Niederlange des Bischofs für beschlossene Sache. Als der Bischof in der Normandie landete, wurde er von zwei freundlich gesinnten Baronen unterrichtet, dass sich der König in einer fürchterlichen Stimmung befände und dass Hugo gut beraten sei, ihm zunächst eine versöhnliche Botschaft zukommen zu lassen.
Der Bischof lehnte dies ab und machte sich auf den Weg, um den Monarchen zu treffen. Richard saß in der Messe, als der Bischof eintrat. Hugo marschierte auf ihn zu, scherte sich nichts um dessen Stimmung und forderte ihn auf: „Küsst mich, Eurer König!“ Richard wandte sich wutentbrannt ab und verweigerte den Gruss. Aber Hugo blickte ihm direkt in die Augen, schüttelte die königliche Schulter kräftig durch und wiederholte seine Aufforderung. „Du hast das nicht verdient“, entzürnte sich der König. „Doch“, erwiderte Hugo und schüttelte die die königliche Schulter noch stärker. Der König ließ seinen Blick langsam von den Augen des Bischofs ab und gab ihm den könglichen Gruss und Kuss, woraufhin der Bischof ruhig dem restlichen Gottesdienst beiwohnte. Hugo forderte den König danach in seiner Ratskammer heraus und beharrte auf seiner Weigerung. Er warf dem König sogar Untreue gegen die Königin vor. Die Ratsmitglieder waren erstaunt. Immerhin waren Richards Mut und aufbrausendes Temperament wohlbekannt und sie rechneten damit, dass Hugo jeden Augenblick in Ungnade fallen würde. Dieser aber ging aus dem Kampf der Geisterfüllung als Sieger hervor. Der Historiker sagt: „Der Löwe wurde gezähmt. Der König gab nicht bei, aber zügelte seine Leidenschaft und bemerkte dann: „Wenn alle Bischöfe wie mein Lord aus Lincoln wären, könnte ihnen keiner unserer Prinzen das Wasser reichen“. Und dies war nicht das erste Mal, dass der furchtlose Bischof von Lincoln einen König besiegt hatte. Bereits früher, kurz nachdem König Henry Plantagenet ihn zum Bischof ernannt hatte, kam es mit diesem Monarchen zu einer ernsthaften Auseinandersetzung. Henry befand sich im Woodstock Park, umgeben von seinen Höflingen, als sich Hugo näherte. Der König tat so, als sähe er den Bischof nicht und nahm keine Notiz von ihm. Nach ein paar Augenblicken betretenen Schweigens schob der Bischof einen der neben dem König sitzenden Herzöge beiseite und setzte sich an diesen Platz. Der Köng tat so, als würde er einen Lederhandschuh reparieren. Der Bischof sagte frohgelaunt: „Euer Majestät erinnert mich an seine Cousine in Falaise“. Falaise war der Ort, an dem Henrys Vorfahre, der Herzog Robert, Arlotta, die Tochter eines Ledergerbers, kennen gelernt hatte, die ihm seinen außerehlichen Sohn gebahr, welcher später als William, der Eroberer, bekannt werden sollte. Des Bischofs unbedachte Anspielung auf den Vorfahren des Königs war für diesen zu viel und gab den Wünschen des Bischofs später nach.

Wie Fothergill bereits richtig sagt: „Es ist ein großer Fehler anzunehmen, dass dieser Wille bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck kommt. Weit gefehlt. Er hat häufig die Tendenz, sich verborgen zu halten und wird nicht selten unter einem Mantel der Freundlichkeit verhehlt. Es gibt Männer und auch Frauen, die so liebeswürdig und freundlich daherkommen, dass es den Anschein hat, als hätten sie überhaupt keinen eigenen Willen. Sie scheinen nur allzu gerne darum bemüht sein, es anderen Recht machen zu wollen. Aber man warte nur, bis die Zeit gekommen ist. Dann wird diese latente Willenskraft hervorspringen und wir finden unter dem Samthandschuh eine eiserne Hand. Das ist das Geheimnis des Diplomaten.
Der französische Außenminister Talleyrand besaß es in einem beträchtlichen Ausmaß, er war ein kühler, undurchschaubarer und erfolgreicher Diplomat. Der italienische Staatsmann Cavour besaß diese Eigenschaft ebenfalls und machte davon weise Gebrauch. Die Schimpfer und Prahlhänse haben sie nicht“.


Das ist eine subtile und spärlich vorhandene Kraft, die unsichtbar unterhalb der Oberfläche schlummert. Wenn sie jedoch benötigt wird, versprüht sie Funken wie ein Feuerwerk. Eine unwiderstehliche Macht.

Latente Kräfte

Die meisten Menschen wissen aus eigener Erfahrung, dass wir in unserem physischen Organismus etwas besitzen, was wir den „zweiten Wind“ nennen. Wir haben uns zum Beispiel an einer körperlichen Aufgabe versucht und nach einer Weile geht uns die Luft aus, wir werden kurzatmig und möchten am liebsten aufhören. Die Erfahrung hat uns jedoch gezeigt, dass diese körperliche Schwäche meist verschwindet, wenn wir weitermachen. Dann erhalten wir unseren „zweiten Wind“. Was es mit dem „zweiten Wind“ genau auf sich hat, ist ein Thema, das Physiologen bereits seit langem beschäftigt und auch heute noch liegt uns keine eindeutige Erklärung für dieses Phänomen vor. Es scheint sich um einen neuen Anlauf zu handeln, der zustande kommt, weil unsere Reserven an Lebensenergie wieder angezapft werden. Wir machen von brachliegenden physischen Kräften Gebrauch, die für solche Notfälle in uns ruhen. Jeder, der mit Hochleistungssportarten Erfahrungen sammeln konnte, kennt dieses besondere physiologische Phänomen sehr gut. Es ist dermaßen gut bekannt, dass auch nicht der Schatten eines Zweifels an seinem Bestehen gerechtfertigt ist.

Und wie so oft zeigt uns eine nähere Überprüfung eine interessante Parallele zwischen der Arbeitsweise der Natur auf der geistigen und auf der körperliche Ebene. So wie es einen physischen „zweiten Wind“ gibt, gibt es auch eine geistige Reserve oder eine latente Energie, auf die wir zurückgreifen können, um einen neuen Anlauf zu starten. Das auf der körperlichen Ebene ablaufene Phänomen des „zweiten Windes“ wird auf der geistigen Ebene fast genau wiedergespiegelt. Wir sind vielleicht bei einer geistigen Tätigkeit und fühlen uns erschöpft. Auf einmal spüren wir, dass wir wieder „da“ sind. Es geht wieder voran! Und so machen wir mit neuer Frische, mit Begeisterung und mit einer Tatkraft weiter, die die bisherige sogar noch übersteigt. Wir haben eine frische Quelle geistiger Energie angezapft.

Die meisten von uns haben nur eine geringe oder gar keine Vorstellung von den geistigen Energiereserven und Kräften, die in uns stecken. Wir machen im altbekannten Trott weiter und meinen, dass wir unser Bestes gäben und dass wir das Leben optimal lebten. Wir bilden uns ein, dass wir uns mit maximaler Leistungsfähigkeit zum Ausdruck brächten.

Aber wir befinden uns lediglich im geistigen Zustand des ersten Windes.

Hinter unserer Arbeitsleistung gibt es noch Urgründe wunderbarer geistiger Energie und geistiger Kräfte, die brach liegen und nur auf die Anweisung durch den Willen warten, um sich in Aktivität und Ausdruckskraft zu äußern.

Wir sind wesentlich größere Wesen als wir annahmen.

Wir sind enorm mächtig, aber wir wissen es nicht. Viele von uns sind wie junge Elephanten, die sich von schwachen Männern dirigieren lassen. Die riesigen Kräfte, die in uns stecken, bleiben den meisten verborgen. Diejenigen Leser, die unser kleine Büchlein „Das innere Bewusstsein“ kennen, werden sich an das erinnern, was wir dort über die Regionen über und unter der Ebene des normalen Tagesbewusstseins gesagt haben. Auf diesen verborgenen Ebenen des Geistes befinden sich unzählige Möglichkeiten – die Rohstoffe, aus denen große Aufgaben und Leistungen entstehen. Das sind die Speicherbatterien für Spitzenleistungen. Das Problem dabei ist, dass wir von der Existenz dieser Möglichkeiten nichts wissen. Wir glauben, dass wir lediglich das seien, was wir im normalen Alltag aus uns machen.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass es uns an Initiative zum Handeln fehlt. Wir haben zu wenig Interesse, Großes zu vollbringen. Wir wollen es nicht genügend. Dieses „genügend Wollen“ ist die große Zündkraft im Leben. Das Verlangen ist das Feuer, das den Dampf des Willens entfacht. Ohne Initiative – das heißt, ohne Verlangen – erreichen wir nichts.

Wenn wir aber den großen, ernsthaften und brennenden Wunsch verspüren, der uns zur Tat schreiten lässt, können wir diesen geistigen „zweiten Wind“ nutzen. Und nicht nur den zweiten, auch den dritten, vierten und fünften. Wir zapfen eine innere Kraft nach der anderen an, bis wir förmlich geistige Wunder vollbringen.




Der gesamte Aufsatz ist ein Bonus zum Buch "Gedanken sind real" von Prentice Mulford.