Die wichtigste Stunde
des Tages

Auszugsweise Übersetzung eines Artikels über W. Clement Stone, erschienen am 8.2.1987 in der "Chicago Tribune"


Vor ein paar Jahren steuerte ein Reporter an einem verhangenen und stürmischen Nachmittag auf eine wohlhabende Enklave in Evanston zu, um W. Clement Stone, einen Verfechter der positiven Geisteshaltung, zu interviewen.

Als er in Stones Anwesen einbog, bemerkte er einen älteren Gärtner, der damit beschäftigt war, im kalten Novemberregen nasses Laub zusammenzukehren. Der Reporter wollte freundlich sein, kurbelte das Wagenfenster herab, und rief: „Hallo!“

„Ein fantastischer Tag heute! Fantastisch!“, rief der Gärtner aus. „Ist das nicht ein herrlicher Tag?“ Später drückte sich der Butler ähnlich aus.

Ein anderer Reporter (der Schreiber dieser Zeilen) hatte letzten Monat etwas weiter nördlich ein modernes zweistöckiges Gebäude in einer Seitenstraße in Lake Forest zum Ziel.

Er wollte W. Clement Stone aufsuchen, der im Mai 85 Jahre alt wird, um herauszufinden, ob dieser hinsichtlich der übersprudelnden Lebenseinstellung, die er als mittelloser Bursche, der seine persönlichen Ängste in den Griff bekommen wollte, um völlig fremden Leuten Versicherungspolicen zu verkaufen, entwickelt hatte, vielleicht einen Sinneswandel durchgemacht habe.

Immerhin waren die letzten zehn Jahre für Stone nicht immer ein Zuckerschlecken gewesen. Sein Name war in Zusammenhang mit  Politik gebracht worden, insbesondere wegen seiner Unterstützung von Wahlkampagnen – hauptsächlich der von Richard Nixon mit 7,2 Millionen US$ zwischen 1968 und 1972. Nixon, dessen Ambitionen von Stone mit der Aussicht darauf, Botschafter in England zu werden, unterstützt wurden, lieferte einen schmachvollen Abgang, ohne den Gefallen zu erwidern.

Stones Tochter Donna, die Gründerin des Landesausschusses für die Verhinderung von Kindesmissbrauch, verstarb 1985 an Krebs. Sein ältester Sohn, Clement Stone, einst rechtmäßiger Erbe, fiel vergangenen September einem Herzleiden zum Opfer, drei Monate nach seiner dritten Eheschließung. Aus Altersgründen übertrug Stone die Geschäftsleitung seiner Versicherungsgesellschaften einem jüngeren Versicherungsmogul, Patrick J. Ryan. Der Schritt wurde zwar begrüßt, aber als Unternehmensgründer verzögerte Stone dann doch am Übergabetag den Vollzug über mehrere Stunden.

Ist W. Clement Stone dennoch glücklich?

Auf diese Frage gibt es nur ein eindeutiges Ja!

„Gott zum Gruße!“, ruft er hinter einem Schreibtisch hervor, auf dem sich drei Aschenbecher und zwei Posteingangskörbe befinden und allerlei Schnickschnack herumliegt, mit dem man mehrere Souvenirläden ausrüsten könnte. Hemdsärmelig, mit einer leopardfarbenen Krawatte und einem dünnen Oberlippenbärtchen, welches gleichzeitig in zwei Richtungen auf die gleichfarbenen Hosenträger zeigt, brummt er auf die erste Frage des Reporters: „Wie geht es Ihnen so?“

„Ich reite auf einer Dauerwelle des Glücks!“

Er zündet sich eine Zigarre an, bläst eine Rauchwolke in die Luft, und nebelt damit ein Ölgemälde hinter sich ein. Wie ein langsam aus dem Bahnhof ausfahrender Zug fängt W. Clement Stone zu erzählen an.

„Es gibt zwei Prinzipien, die nie gelehrt werden, und die jeder Mensch – Mann, Frau oder Kind – kennen und anwenden sollte. Zum einen ….

„Eins nach dem anderen“, unterbricht der Reporter. „Ihre Bücher habe ich schon“ und bringt je ein Exemplar von "Der unfehlbare Weg zum Erfolg" und von "Mit positivem Denken zum Erfolg" zum Vorschein.

Stone wischt die Unterbrechung beiseite. „Ja schon, aber in den Büchern steht davon nichts! Das sind zwei neue Prinzipien“.

„Und die sind nicht in Ihren Büchern enthalten?

„Nein!“ Stone kommt in Fahrt. „Das sind zwei Prinzipien, mit denen Sie jedes Ziel erreichen können, vorausgesetzt, dass Sie gegen kein universelles Gesetz, die göttlichen Gesetze oder die Rechte Ihrer Mitmenschen verstoßen.“

Den Unterbau seiner Lebensphilosophie, räumt Stone ein, verdanke er Emile Coué, einem französischen Apotheker, der von vielen als der Urheber der Allgemeinformel angesehen wird. Dessen Autosuggestion „Jeden Tag geht es mir in jeder Hinsicht immer besser!“ ist weithin bekannt.

Coué war der Meinung, dass „zuversichtlich“ wiederholte Zielvorgaben dem Unterbewusstsein „einen Mechanismus für die Beseitigung von Vorstellungen einprägen, welche Stress und Krankheiten verursachen“.

Auch wenn es keine einhellige Zustimmung gibt, ist der vormalige Redakteur Norman Cousins, der mit Humor eine Spondyloarthritis überwand, und später darüber schrieb, wie man auf die „Drogerie des Geistes“ Zugriff erlange, sicherlich derselben Meinung wie Coué.

Nicht alle seine Unternehmungen waren von Erfolg gekrönt. In den ausgehenden Sechzigerjahren nahm Stone George Halas unter Vertrag, damit er dem Chicagoer Football-Team Bears eine positive Geisteshaltung vermittle.

 Es reichte wohl nicht aus. In der darauffolgenden Saison verlor die Mannschaft mehr Spiele als sie gewann.

Würde er jetzt, da er auf die fünfundachtzig zugehe, also in einem Alter, in dem viele andere jammern und klagen, gewisse Enttäuschungen einräumen? „Na ja“, meint er, während er seine Zigarre nochmals anzündet, „mit meinem Denkmodell, dass jeder Nachteil den Keim für einen gleich großen oder größeren Vorteil in sich trägt, fällt es mir schwer, an eine Enttäuschung zu denken.“

Auch nicht Richard Nixon?

Keineswegs“, sagt Stone. „Watergate war ein Segen. Ohne diese Affäre würde sich heute kein Staatsanwalt trauen, gegen einen Senator oder Präsidenten vorzugehen.“

Und der Tod seiner beiden Kinder? (ein dritter Sohn, Norman, wohnt in San Francisco).

Das sei schmerzlich gewesen, aber er habe auch freudige Erinnerungen. „Donna hatte ein Gespür dafür, qualitativ hochwertige Leute anzuziehen. Sie war die Präsidentin unserer Stiftung und ihr Name wird immer positiv mit ihrer Arbeit bei der Verhütung von Kindesmissbrauch genannt werden.“

„Clem kam mit einem Herzfehler auf die Welt. Die Ärzte gaben ihm keine Überlebenschance. Wir sind dankbar dafür, dass wir ihn 58 Jahre lang bei uns haben konnten.“

Man fragt mich: „Warum arbeiten Sie so viel und engagieren sich überall auf der Welt? Was wollen Sie mit noch mehr Millionen?“

„Ich möchte die Welt verbessern; ich möchte sie für künftige Generationen besser machen“.

Welchen Sinn das Leben denn habe, und was es mit den zwei Prinzipien auf sich habe, die noch nie zuvor gelehrt worden seien und die auch in seinen Büchern nicht zu finden seien, kommt die Nachfrage des Reporters.

„Die Macht des Unterbewusstseins ist schlichtweg atemberaubend“, fährt Stone fort. "Lassen Sie mich etwas ausholen: Der menschliche Computer funktioniert durch Wiederholung. Aber wirklich erfolgreiche Leute gehen noch einen Schritt weiter. Zum einen haben sie ein klares Ziel vor Augen. Zum anderen pflegen sie die Siesta!“

„Die Siesta?“

Die Siesta?

„Ja, ein kurzes Nickerchen. Ein Schläfchen zwischendurch“.

Stone beschreibt einen texanischen Erfinder, der in seinem „luxuriösen Büro“ einen „Pausensessel“ habe. Dieser Herr habe sechshundert Patente angemeldet.

Er sagt auch, dass der Psychiater Dr. Karl Menninger, immerhin 93 Jahre alt, jeden Tag 45 Minuten für „kreatives Nachdenken“ vorsehe.

„Nehmen Sie in einem hell erleuchteten Raum Platz“, erklärt Stone. „Lassen Sie keine Störungen oder Unterbrechungen zu. Nehmen Sie einen Schreibblock und ziehen Sie in der Mitte eine senkrechte Linie.

 Planen Sie mindestens eine Stunde ein.

Schreiben Sie nun ein Ziel auf, dass anderen Leuten unmöglich erscheint. Konzentrieren Sie sich. Schreiben Sie alles auf, das Positive und das Negative.

Ihr Unterbewusstsein wird Ihnen Antworten liefern!"


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