Du verstehst mich einfach nicht
von Deborah Tannen




Der folgende Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch You Just Don't Understand von Deborah Tannen:

Ein Ehepaar war mit dem Auto unterwegs, als sich die Frau an ihren Mann wandte und fragte: "Willst du nicht eine Kaffeepause machen?"

"Nein danke", antwortete dieser wahrheitsgemäß.

Also fuhren sie weiter.

Das Ergebnis?

Die Frau, die gerne anhalten wollte, wurde ärgerlich, da sie sich übergangen fühlte. Der Mann sah, dass seine Frau ärgerlich wurde und wurde seinerseits frustriert. Warum sagte sie nicht direkt, was sie wollte?

Leider erkannte er nicht, dass seine Frau eine Frage stellte, nicht, um eine sofortige Entscheidung zu fällen, sondern vielmehr, um eine Verhandlung einzuleiten. Und die Frau erkannte nicht, dass das Nein ihres Mannes nur seine persönliche Präferenz darstellte, und kein Urteil. Wenn Mann und Frau denselben Austausch auf so unterschiedliche Weise auslegen, ist es kein Wunder, dass sie sich gegenseitig Sturheit und Egoismus vorwerfen.

Als Linguistin habe ich die Gesprächsstile von Männern und Frauen untersucht. Natürlich können wir nicht alle Männer und Frauen pauschal über denselben Kamm scheren. Aber die scheinbar unendlichen Missverständnisse, welche die Beziehungen vergiften, lassen sich teilweise auch anhand der Regeln erklären, nach denen Männer und Frauen ihre Gespräche führen.

Immer wieder höre ich von meiner Leserschaft oder auf Vorträgen, dass die Leute sehr beruhigt sind, wenn sie erfahren, dass diese Quelle der Unbehaglichkeit, welche sie persönlichen Gefühlen zugeschrieben hatten, in der Tat etwas weit Verbreitetes ist.

Diese unterschiedlichen, aber durchaus gleichwertigen Gesprächsstile zu erkennen, kann dazu beitragen, Vorwürfen den Boden zu entziehen und wirklich miteinander zu reden. Hier einige der häufigsten Konflikbereiche:

Status oder Unterstützung

Männer wachsen in einer Welt auf, in der es bei Gesprächen häufig um Durchsetzung geht, zum Beispiel, um die Oberhand zu gewinnen oder andere daran zu hindern, sie herumzustoßen.
Für Frauen sind Gespräche jedoch häufig eine Möglichkeit, Bestätigung und Unterstützung zu erlangen.

Dies zeigte sich zum Beispiel, als mein Mann und ich in verschiedenen Städten arbeiteten. Man sagte mir oft: "Das muss aber hart sein" und "Wie halten Sie das aus?"
Ich nahm ihre Anteilnahme gerne an und verstärkte sie manchmal sogar noch: "Das Schlimmste ist das ständige Ein- und Auspacken."

Mein Mann reagierte jedoch oft gereizt. Unsere Situation habe durchaus ihre Vorteile, meinte er. Als Akademiker könnten wir immerhin Vier-Tage-Wochenenden zusammen verbringen. Dazu kämen die Urlaubszeiten und vier Monate im Sommer.
All das war durchaus richtig, aber ich verstand trotzdem nicht, warum er das sagte. Er sagte mir, dass er manchmal durch die Blume heraushörte: "Ihr führt eigentlich keine wirkliche Ehe. Ich bin besser als du, weil wir in unserer Ehe kein solches Durcheinander haben".

Bis dahin war mir dieser Gedanke neu.

Jetzt erkenne ich, dass mein Mann die Welt so sah, wie sehr viele Männer dies tun: Als einen Ort, in dem die Menschen versuchen, einen Status zu erreichen und aufrecht zu erhalten.
Ich jedoch betrachtete die Welt so, wie dies viele Frauen tun: Als Beziehungsnetz, um Unterstützung und Übereinstimmung zu erreichen.

Unabhängigkeit oder Intimität

Da Nähe und Unterstützung für viele Frauen wichtig sind, setzen sie viel daran, ihre Intimität zu behalten.
Männer, die ihrerseits mehr auf Status aus sind, legen mehr Wert auf Unabhängigkeit. Dies kann dazu führen, dass Männer und Frauen ein und dieselbe Situation unterschiedlich bewerten.

Als Davids alter Schulfreund anrief und sagte, dass er auf der Durchreise sei, lud ihn David zum Wochenende ein. Zu Hause erzählt er seiner Frau Linda, dass sie dieses Wochenende Besuch haben würden.

Linda war entsetzt. Wie konnte David das Wochenende verplanen, ohne sie vorher einzubeziehen? Sie würde so etwas nie tun! "Warum sagst du deinem Kumpel nicht, dass du zuerst deine Frau fragen müsstest?"

David konterte: "Ich kann dem doch nicht sagen, dass ich erst um Erlaubnis bitten muss!"

Für David hätte dies bedeutet, dass er keine eigenen Entscheidungen treffen dürfte. Das würde ihn zu einem Pantoffelhelden stempeln. Linda jedoch fühlt sich sehr wohl in ihrer Haut, wenn sie jemandem sagt: "Dazu muss ich erst David fragen"

Das gibt ihr ein inniges Zusammengehörigkeitsgefühl.

Ratschläge oder Verständnis

Eva musste sich einen gutwilligen Knoten aus ihrer Brust entfernen lassen. Als sie ihrem Mann Mark erzählte, dass sie sich Sorgen mache, weil die Narben sichtbar seien, antwortete dieser: "Das kann man immer noch nachoperieren".

Dieser Auspruch störte sie: "Es tut mir leid, dass dir mein Äußeres nicht gefällt", protestierte sie, "aber ich werde nicht mehr an mir herumschnipseln lassen!"

Mark war verdutzt. "Mich stört die Narbe überhaupt nicht. Nicht im geringsten!"

"Warum soll ich mich dann operieren lassen?", wollte sie wissen.

"Weil dir nicht gefiel, wie es aussieht!"

Eva fühlte sich unwohl. Mark hatte sich während ihrer Operation sehr fürsorglich gezeigt, wie konnte sie ihn jetzt so anschnauzen?

Das Probleme war eine unterschiedliche Sichtweise. Für viele Männer ist eine Klage gleichbedeutend mit einer Aufforderung, eine Lösung zu präsentieren. Mark meinte, er würde Eva unterstützen und beruhigen, indem er ihr sagte, dass sie an dieser Narbe noch etwas verändern könnte. Frauen suchen jedoch oft emotionale Unterstützung mehr als eine Lösung!

Wenn meine Mutter meinem Vater erzählt, dass sie sich nicht wohl fühle, kommt er immer wieder mit derselben Standardantwort: sie solle doch zum Arzt gehen. Natürlich ist sie mit der Art von Unterstützung jedes Mal unzufrieden. Wie viele andere Männer auch, ist er auf das fixiert, was er tun kann, während sie sich einfühlsame Anteilnahme wünscht.

Informationen oder Gefühle

Ein Cartoon zeigt einen Ehemann, der die Zeitung aufmacht und seine Frau fragt: "Möchtest du mir zuerst noch etwas sagen, bevor ich mit dem Zeitunglesen anfange?"

Wir wissen, dass sie das jetzt nicht will. Aber sobald sich ihr Mann in die Zeitung vertieft hat, fällt ihr bestimmt etwas ein, was sie unbedingt loswerden muss.

Dieser Cartoon ist deshalb lustig, weil sich viele Paare darin wiedererkennen. Nicht so lustig ist, dass viele Frauen beleidigt sind, wenn die Männer zu Hause nicht mit ihnen sprechen und dass viele Männer frustiert sind, wenn sie ihre Partnerin enttäuschen, auch wenn sie nicht wissen, warum.

Rebekka ist glücklich verheiratet. Sie erzählte mir, dass gerade das eine Quelle der Unzufriedenheit in ihrer Ehe sei. Aber ihr Mann Henry habe hart daran gearbeitet, seine Gedanken für sich zu behalten. Für ihn - wie für viele andere Männer auch - dienen Gespräche dem Informationsaustausch. Er hat zu Hause kein Bedürfnis, viel zu reden.

Auf der Bühne der gesellschaftlichen Aktivitäten nehmen solche Männer oft zentrale Rollen ein: Sie können Witze erzählen und sind unterhaltsam. Frauen ist oft unbegreiflich, wie ihre Männer fremden Leuten gegenüber so gesprächig sein können und zu Hause den Mund nicht aufbringen.

Um solche Missverständnisse zu vermeiden, können sowohl Männer wie auch Frauen etwas dafür tun. Eine Frau kann den Wunsch ihre Mannes, sich der Lektüre zu widmen, schlichtweg als das sehen, was es ist - nicht als eine Ablehnung ihrer selbst.

Und ein Mann kann den Wunsch der Frau, sich etwas von der Leber zu reden, ebenfalls so sehen wie es ist - ohne dies als manipulative Einmischung zu betrachten.

Anordnungen oder Vorschläge

Diana fängt ihre Sätze oft mit einem "Lass uns" oder "Tun wir ..." an. Zum Beispiel: "Parken wir halt da drüben!"

Das macht Nathan sauer. Bei ihm kommt das als eine Art Befehl an. Und er lässt sich nun mal gar nicht gerne sagen, was er tun soll.

Für Diana ist das ein Vorschlag, keine Aufforderung. Wie viele Frauen, formuliert sie ihre Wünsche als Empfehlungen oder Vorschläge, nicht als Aufforderung. Sie denkt, dass sie damit zuerst eine Einigung herbeischafft.

Bei vielen Männern kommt dies nicht gut an. Sobald sie feststellen, dass jemand indirekt etwas von ihnen will, fühlen sie sich manipuliert und reagieren nachtragend. Eine direkte Aussage wäre ihnen lieber.

Konflikt oder Kompromiss

Um Knatsch zu vermeiden, gehen manche Frauen der direkten Konfrontation aus dem Wege. Manchmal ist es jedoch wirksamer, sich klar zu behaupten, auch auf die Gefahr eines Konfliktes hin.

Dora hatte bereits mehrere Autos gefahren, mit denen sie alles andere als zufrieden war. Zwar brauchte sie das Auto für ihre Arbeit, ihr Mann Hank suchte die Marken jedoch aus. Hank hatte ein Faible für "spritzige" Wagen, die jedoch immer auch sehr reparaturanfällig waren.

Nach einem sehr schlimmen Unfall, den Dora erlitt, weil die Bremsen ihres Wagens versagten, waren sie wieder einmal auf der Suche nach einem Gebrauchtwagen. Dora wollte von einer Freundin einen Kombi kaufen, aber Hank hat einen 15 Jahre alten Sportwagen im Visier. Sie versuchte, Hank davon zu überzeugen, dass ein zuverlässigerer Wagen sinnvoller sei, aber er war da anderer Meinung.

In der Vergangenheit hätte sie irgendwann nachgegeben. Aber dieses Mal kaufte sich den "langweiligeren", aber zuverlässigeren Kombi. Zu ihrer Überraschung bliebt der große Knatsch aus. Als sie ihn später darauf ansprach, meinte er nur, sie hätte von Anfang an tun sollen, was sie für richtig hielt.

Dora lernte aus diesem Ereignis, dass ein kleiner Konflikt noch niemanden umgebracht hat.

Wenn wir unterschiedliche Gesprächsstile nicht als das sehen, was sie in Wirklichkeit sind, ziehen wir unter Umständen unangebrachte Schlüsse: "Du bist unlogisch", "Immer muss es nach deinem Dickschädel gehen", "Was ich denke, ist dir offenbar schnurzegal".

Sobald wir aber die beiden unterschiedlichen Ansätze begriffen haben, sind unsere Chancen besser, ein Auseinanderdriften zu vermeiden.

Wir kommen dadurch dem wahren Verständnis näher.