Die Wissenschaft
des gesunden Lebenswandels


von Wallace D. Wattles

Kapitel 9



Wann man essen soll


Nur über den geistigen Weg oder nur über unbewusste Abläufe können Sie einen völlig gesunden Körper nicht aufbauen und gesund erhalten. Es gibt eine Reihe mehr oder weniger bewusster Aktionen, die sich unmittelbar auf das Fortbestehen des Lebens selbst auswirken. Hierbei handelt es sich um die Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit, die Atmung und den Schlaf.

Unabhängig davon, welche geistige Einstellung ein Mensch pflegt, muss er auch essen, trinken, atmen und schlafen und er kann nur dann gesund sein, wenn er diese Vorgänge auf gesunde Art und Weise vollzieht. Aus diesem Grunde ist es von größter Wichtigkeit, sich damit zu beschäftigen, wie diese Abläufe richtig vorzunehmen sind. Fangen wir mit der Nahrungsaufnahme an:

Darüber, wann man essen soll, was man sich zu nehmen soll, wie man essen soll und auch wie viel man essen soll, gab es eine Menge kontroverser Meinungen. Diese Kontroversen sind völlig überflüssig, da die rechte Art leicht festzustellen ist. Wir brauchen dazu nur die Gesetzmäßigkeit zu betrachten, die allem Erreichen zugrunde liegt, sei es Gesundheit, Wohlstand, Macht oder Glück. Dieses Gesetz besagt schlichtweg, dass ...

Sie das tun müssen, was Sie jetzt tun können, und zwar an dem Ort, an dem Sie sich jetzt befinden.

Achten Sie dabei darauf, jede einzelne Handlung so vollkommen wie möglich zu verrichten und geben Sie die Macht des Glaubens in jede einzelne Handlung!


Die Verdauunngs- und Assimilierungsprozesse unterliegen einem inneren Teilbereich der Mentalität eines Menschen; normalerweise nennen wir diese "das Unterbewusstsein". Diesen Begriff möchte ich auch hier verwenden, damit ich verstanden werde.

Das Unterbewusstsein kümmert sich um sämtliche Funktionen und Abläufe des Lebens und wenn vom Körper mehr Nahrung benötigt wird, weist es durch ein Hungergefühl auf diesem Umstand hin.

Wenn Nahrung benötigt wird und verwertet werden kann, entsteht Hunger. Sobald ein Hungergefühl vorhanden ist, ist es an der Zeit zu essen. Solange kein Hungerfühl besteht, ist es unnatürlich und falsch, etwas zu essen, unabhängig davon, wie groß der Appetit zu sein scheint.

Selbst in einem Zustand der scheinbaren Unterernährung und Ausmagerung kann davon ausgegangen werden, dass die Nahrung nicht verwertet werden kann, solange kein Hunger vorhanden ist. In diesem Fall wäre es unnatürlich und falsch, etwas zu essen. Auch wenn Sie tage- oder gar wochenlang nichts zu sich genommen haben, können Sie davon ausgehen, dass Sie neue Nahrung nicht verwerten können, solange Sie keinen Hunger verspüren. Wenn Nahrung gebraucht wird, und die Verdauungsfähigkeit besteht, was bedeutet, dass die Nahrung verwertet werden kann, wird das Unterbewusstsein diesen Umstand durch ein ausgeprägtes Hungerfühl bekanntgeben.

Nahrung, die aufgenommen wird, obwohl kein Hunger vorhanden war, wird manchmal verdaut, weil die Natur alles daran setzt, die ihr gegen ihren Willen auferzwungene Aufgabe zu erfüllen, falls man jedoch gewohnheitsmäßig ist, ohne Hunger zu verspüren, kommt es letztendlich zu einer Zerstörung der Verdauungsfähigkeit und zu zahlreichen Übeln.

Davon ausgehend liegt es auf der Hand, dass der natürliche (und gesunde) Zeitpunkt zur Nahrungsaufnahme dann besteht, wenn man hungrig ist, und dass es nie natürlich und gesund sein kann, ohne Hunger zu essen. Die Fragen, wann man essen soll, ist damit sehr schnell beantwortet. Essen Sie immer dann, wenn Sie hungrig sind und nie dann, wenn Sie nicht hungig sind. Dies ist das Gebot der Natur.

Allerdings müssen wir klar zwischen Hunger und Appetit unterscheiden.

Hunger ist der Ruf des Unterbewusstseins nach mehr Material für die Repartur und Erneuerung des Körperrs und für die Aufrechterhaltung der inneren Wärme. Hunger verspüren wir nur bei Bedarf nach mehr Nachschub und wenn die Möglichkeit zur Verdauung im Magen besteht.

Appetit ist der Wunsch nach der Befriedigung eines Gefühls. Der Trunkenbold hat einen Appetit nach Schnapps, aber er kann keinen Hunger danach verspüren. Ein normal ernährter Mensch kann keinen Hunger nach Süssigkeiten oder Leckereien verspüren. Der Wunsch nach diesen Dingen ist lediglich Appetit. Nach Tee, Kaffee, gewürzten Speisen oder geschmacksanregenden Verlockungen des erfahrenen Koches kann er keinen Hunger verspüren. Diese Dinge wünscht er sich aufgrund seines Appetits, nicht aber aufgrund seines Hungergefühls.

Hunger ist der Ruf der Natur nach Baumaterial für neue Zellen und die Natur ruft nie nach etwas, das sie nicht zweckmäßig verwerten kann.

Nicht selten ist der Appetit reine Gewohnheitssache. Falls jemand zu einer bestimmten Tageszeit isst und trinkt, vor allem, falls er stark gewürzte und anregende Nahrungsmittel zu sich nimmt, entsteht der Wunsch immer wieder zur selben Zeit; dieser gewohnheitsmäßige Wunsch nach Nahrung darf jedoch nie mit Hunger verwechselt werden.

Hunger macht sich nicht zu festen Zeiten bemerkbar. Er kommt nur, wenn die Arbeit oder Anstregungen genügend Energie verbraucht haben, so dass neues Rohmaterial notwendigerweise benötigt wird.

Falls sich jemand zum Beispiel am Vortag ausreichend ernährt hat, ist es unmöglich, dass er nach dem Aufstehen sofort Hunger verspürt. Im Schlaf wird der Körper neu mit Lebenskraft geladen und die Verwertung der am Vortag eingenommenen Nahrung ist abgeschlossen. Das System hat somit unmittelbar nach dem Schlaf keinen Bedarrf nach Nahrung, es sei denn, der betreffende Mensch hätte sich in einem Hungerzustand schlafen gelegt. Somit kann im Normalfall niemand einen echten Hunger nach einem Frühstück gleich nach dem Aufstehen haben.

Das frühmorgendliche Frühstück wird immer aus Appetit eingenommen, und niemals zur Stillung des Hungers. Unabhängig davon, wer Sie sind und wie hart Sie arbeiten, können Sie nicht mit einem Hungergefühl aufstehen, sofern Sie sich am Vortag normal ernährt haben.

Durch den Schlaf kann Hunger nicht entstehen, sondern nur durch Arbeit. Dabei spielen Ihre spezifischen Umstände keine Rolle, der "frühstückslose Plan" ist in jedem Fall der richtige für Sie. Dieser Plan ist für jedermann der richtige, weil er auf dem universellen Gesetz basiert, dass sich Hunger erst dann einstellt, wenn er verdient ist.

Mir ist durchaus bewusst, dass sich gegen diese Aussage Protest erheben wird, vor allem von all den Leuten, die ein gutes Frühstück genießen und es für die "beste Mahlzeit des Tages" halten, weil sie glauben, dass man nicht mit einem "leeren Magen durch den Vormittag kommen" könne und dergleichen mehr. Diese Aussagen können gegen die Fakten jedoch nicht bestehen.

Sie genießen ihr Frühstück ebenso, wie der Zecher seinen Morgentrunk genießt, weil es seinen gewohnheitsmäßigen Appetit stillt, nicht aber, weil ihm der Alkohol ein natürliches Bedürfnisse stillen würde. Es ist für viele Menschen aus den gleichen Gründen die beste Mahlzeit am Tage, wie es für den Zecher der beste Drink ist. Und dabei können sie durchaus ohne es auskommen, wie auch Millionen anderer ohne es auskommen und sich sogar noch besser fühlen.

Wenn Sie nach der Wissenschaft des gesundes Lebenswandels leben, dürfen Sie erst dann essen, wenn Sie einen echten Hunger verspüren.

Wenn Sie nun nicht gleich nach Aufstehen etwas zu sich nehmen sollten, wann ist dann der beste Zeitpunkt für das erste Mahl?

In neunundneunzig von hundert Fällen ist das Mittagessen früh genug und meist auch die beste Zeit. Falls Sie körperlich schwer arbeiten, werden Sie bis Mittag einen Hunger aufgebaut haben, der eine gute Mahlzeit rechtfertigt. Bei leichteren Arbeiten dürften Sie immer noch genügend Hunger verspüren, um ein leichtes Mahl zu sich zu nehmen. Als Faustregel möge genügen, dass Sie Ihre erste Mahlzeit dann zu sich nehmen sollten, wenn Sie hungrig. Solange Sie nicht hungrig sind, warten Sie, bis Sie Hunger verspüren.

Und die zweite Mahlzeit?

Nur dann, wenn Sie einen Hunger danach verspüren. Falls Sie ein Hungergefühl nach einer zweiten Mahlzeit verspüren, nehmen Sie es zu der Ihnen passenden Zeit ein, jedoch erst dann, wenn Sie wirklich Hunger haben.

Die Leserin und der Leser, welche sich über die Gründe nach diesen Mahlzeiten näher informieren möchten, finden die besten Bücher hierzu im Vorwort zu diesem Buch. Auf einen Nenner gebracht, lautet die Antwort auf die Frage "Wann und wie oft soll ich essen?"

Immer dann, wenn Sie hungrig sind. Niemals zu anderen Zeiten.



Im Jahre 1910 war über Vitamine oder Kalorien noch nichts bekannt; welche Rolle die Nahrung für das Leben und für die Gesundheit spielte, war der wesentlichen Gesellschaft noch unklar. Sogar Ärztschaft wusste damals noch nichts über den Verdauungsprozess im Magen und in den Eingeweiden. Welche Aufgaben die Leber, die Gallenblase und Bauchspeicheldrüse hatten, war unbekannt. Ebenfalls unbekannt war, wie die Nahrung aufgenommen und durch den Körper befördert wurde. Der gesamte Zellprozess des menschlichen Körpers war ein völliges Rätsel.

Wallace Wattles argumentiert, dass geistige oder körperliche Arbeit zum "Verbrauch" beziehungsweise zur Zerstörung von Zellen führe, die dann ersetzt werden müssten. Der Hunger sei der Hinweis des Körpers, dass Zellen gebaut werden müssten. Der Schlaf hätte eine regenierende Wirkung und würde keine Arbeit erfordern, wodurch es zu einem Energiezuwachs käme. Aus diesem Grunde könne der Schlaf seiner Meinung nach nicht zu Hunger führen, da hierbei keine Zellen verbraucht würden.

Ist der "frühstückslose Plan" etwas für Sie?

Nach unserem heutigen Wissenstand ist bekannt, dass der Körper das meiste Wachstum und seine Reparaturarbeiten während der Nacht durchführt, wenn wir schlafen. Aus diesem Grunde ist es also physiologisch durchaus möglich, während des Schlafens Hunger zu entwickeln. Dieser reicht in der Regel jedoch nicht aus, um sofort nach dem Aufstehen bereits Nahrung zu benötigen. Die während des Schlafes vom Körper benötigte Nahrung wird normalerweise durch die vorher eingenommenen Mahlzeiten, welche nach wie vor im Verdauungstrakt verwertet werden, gedeckt.

Viele Leute stellen fest, dass sie sich am besten fühlen, wenn sie nach dem Aufstehen erst eine Zeitlang nichts zu sich nehmen. Es gibt Berichte von Leuten, die auf Bauernhöfen aufgewachsen sind und häufig schon um 4.00 morgens aufstehen mussten, aber erst nach vier Stunden Arbeit nahmen sie um 8.00 früh ein Frühstück zu sich. Andere Leute treiben erst Sport, machen Atem- oder Meditationsübungen und frühstücken erst danach.

Aus den Schriften von Wallace Wattles ist nicht zu ersehen, was er für eine normale Aufwachzeit hielt; sein Ratschlag, mit dem Essen abzuwarten, bis sich ein echtes Hungergefühl einstellt, ist jedoch generell zu befürtworten.

Sollten Sie sich nach dem Aufwachen oder nach längerer Fastenzeit übel fühlen, und keine Blutzuckerprobleme haben, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Ihr Körper auf eine eingenommene Nahrung reagiert. Versuchen Sie in diesem Fall eine Änderung Ihres Speisezettels.

Eine weitere, wenngleich nicht so wahrscheinliche, Möglichkeit ist die Toxizität. Falls Sie zum Beispiel jahrelang Zigarettenrauch ausgesetzt waren oder in Ihrem Umfeld viel Gifte versprüht werden (zum Beispiel Insektenspray), bleiben Reststoffe dieser Chemikalien in Ihren Fettzellen. Wenn Ihr Körper das Fett verbrennt, gelangen die Chemikalien in das Blut und Sie verspüren die Auswirkungen.

Ein weiterer Punkt im Zusammenhang mit dem Frühstück bezieht sich auf die spezifischen Umstände, unter den Wallace Wattles lebte. Herr Wattles war Amerikaner und 1910 bestand das typische amerikanische Frühstück aus Schinken, Würstchen, Eiern, Beefsteaks und Schweineschnitzeln; dazu gab es Sauce oder Weizenbrot, Gebäck oder auch eine Obsttorte. Es ist nicht besonders überraschend, dass sich ein Mensch besser fühlt, wenn er auf diese schwerverdaulichen Genüsse verzichtete.

Generell könnte man zusammenfassen, dass Sie mit Ausnahme von Blutzuckerproblemen, die nach einer häufigeren Nahrungsaufnahme verlangen und wobei Sie häufiger ein Hungergefühl verspüren, darauf achten sollten ...
  • was Ihnen Ihr Körper mitteilt.

  • Seien Sie dabei entspannt, pflegen Sie eine Haltung der Dankbarkeit und des Vertrauens, statt sich von Gewohnheiten, Ängsten, gesellschaftlichen Zwängen oder den Terminen anderer dirigieren zu lassen.

Ist eine Mahlzeit am Tag ausreichend?

Wallace Wattles schreibt, dass ein Mensch im Regelfall nur einmal pro Tag einen "wirklichen" Hunger verspüre. Falls diese eine Mahlzeit fettreich und viele tierische Proteine enthält, mag das der Fall sein. Heutzutage wissen wir jedoch, dass wir Nährstoffe benötigen, wie sie in Frischgemüse, Obst, Nüssen, oder Körnern enthalten sind. Wir wissen auch, dass wir Faserstoffe brauchen, die nur in Pflanzen zu finden sind. Viele dieser Nahrungsmittel, insbesondere Gemüse, sind sehr kalorienarm. Um von diesen Nährstoffen genügend zu sich zu nehmen, müssten wir deshalb mehrmals am Tage essen.

Auch hier gilt wieder, dass es besser ist, der "Stimme" des eigenen Körpers zu lauschen als auf den Appetit zu hören. Experimentieren Sie ruhig damit, nur einmal am Tag zu essen. Vielleicht sind Sie tagsüber auch so beschäftigt, dass Sie gar nicht merken, dass Ihr Körper Nahrung, Wasser oder Bewegung braucht.
Eine gute Zeit, um hier eventuell eine Umstellung vorzunehmen, ist der Urlaub.

Falls Sie andererseits "ständig" essen müssen, haben Sie die Kommunikation mit Ihrem Körper ebenfalls unterbrochen. Hier könnte es durchaus angebracht sein, einmal einen oder zwei Tage lang alle Mahlzeiten ausfallen zu lassen, um ein echtes Hungergefühl kennenzulernen.



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